abenteuer Stadt & Land story text

List, Sylt

Dieser Beitrag ist Teil 8 von insgesamt 9 Teilen der Serie Stadt & Land
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List, Sylt

Nordfriesland, Schleswig-Holstein, Deutschland

Irgendwo, kurz vorm Ellenbogen

Wie die Tiere haben sie uns hier eingesperrt.
In einem Stacheldrahtdreieck, keine zwanzig Quadratmeter grob. Mitten auf einem weitläufigen Kasernenhof und es ganz still.
Von weiten kann man das Meer rauschen hören, vielleicht ist es aber auch der Strandhafer im Wind oder ich bilde mir dieses Rauschen auch ganz einfach nur ein.
Wir stehen hier mitten auf diesem Kasernenhof herum, weil wir uns nicht hinsetzen dürfen. Fünfzig Meter entfernt stehen die neuen Herren, vor denen wir uns ergeben haben. Von Gefangenschaft war da noch keine Rede.
Auf einmal steht so ein kleiner, dicker britischer Offizier vor dem Stacheldraht und brüllt mich an.
Erst dachte ich, er meint mich nicht, weshalb auch, er konnte mich doch gar nicht meine, ich habe doch überhaupt nichts gemacht.
Er fuchtelt mit seiner Reitgerte durch den Stacheldraht vor meiner Stirn herum. Dann verstand ich, er meinte das Schiffchen auf meinem Kopf, ich sollte das Schiffchen abnehmen.
„Your Nazi?!“, brüllte er und er meinte damit wohl den Adler mit dem Hakenkreuz aber ich verstand ihn trotzdem nicht. Das Emblem gehörte doch zur Uniform, wieso Nazi?
Der Dicke verlangte auf Englisch, dass ich das Schiffchen auf den Boden werfe und darauf herumtrampeln sollte. Das verstand ich natürlich, ich kann ja Englisch. Aber ich sollte so tun, als ob ich nicht verstand, was den dicken Offizier zu einem Wutanfall führte.
Das verlangte der Regisseur, der aus dem Hintergrund jetzt „Aus!“ und „Danke“ rief. Wir drehten hier nämlich gerade einen Film.
Und das macht Spaß, besonders wenn der Film in der Vergangenheit spielt. Wenn dabei noch die Ausstattung, die Kostümen und die Kulissen stimmen, dann kann sowas für Momente so vorkommen, als ob eine Zeitmaschine im Spiel ist.
Und die Kulisse stimmen, hier auf dem Gelände der alten Marineversorgungsschule in List auf Sylt.
Soldaten gibt es hier jedoch nicht mehr. Einst wurden hier die Köche, die „Smutjes“ der Marine ausgebildet. Und die Verwaltungsfachleute, angehende Zahlmeister und Stabsdienstler. Doch das ist vorbei.
Investoren planen die Anlage neuer „Wohnparks“, dabei verfügt List über weit mehr Häuser und Wohnungen, als Einwohner.
Und da hinten liegt der Ellenbogen, eine kleine Landzunge, die als nördlichster Landstrich Deutschlands gilt. Landstrich im wahrsten Sinne des Wortes. Hier oben ärgern die Handys ihre Nutzer, die sich permanent in das dänische Netz einwählen. Kostenfalle Roaming.
Drei Tage soll der Dreh hier dauern. Gestern gab es den ganzen Tag Einstellungen in einem alten Kino auf dem Sylter Flugplatz. Seit dem Weltkrieg hat sich dieses Kino nicht verändert, was man erst gemerkt hat, nachdem das abseitige Gebäude entrümpelt wurde. Jahrzehntelang wurde das Kino als Abstellhalle benutzt. Oder mißbraucht.
Gestern gab ich noch keinen Nazi, gestern steckte ich in einer britischen Uniform und gehörte zu den britischen Soldaten im Film, denen im Kino Bilder aus Konzentrationslagern gezeigt werden. Fraternisierungsverbot – keine Freundschaften mit dem Feind.
Die ganze Szene wird mehrfach geprobt, einige Male gedreht, dann sind die Bilder gemacht. „Im Kasten“, wie die Schaulustigen sagen würden, die wir hier aber nicht haben.
Wir marschieren durch Strandhafer und Dünengras irgendwo hin, da die Busfahrer Angst hatten, sich hier draussen fest zu fahren.
Ein Komparse, der hier aus dem Ort kommt, erzählte beim Spazierengehen, dass wir uns hier auf dem Millionärspfad bewegen würden. Hier würden sich ständig die dicken Autos der reichen Leute festfahren, die nach der Landung schnellstens nach Kampen wollen. Auf der Nordseite würde es noch den Diktatorenpfad geben, aber ich war mir sicher, der Typ dachte sich das alles nur aus.
Und als wir nach drei Tagen wieder nach Hause fuhren, hörten wir unterwegs in den Nachrichten im Radio, dass Michael Jackson zusammengebrochen und ins Krankenhaus gekommen ist. Wenig später hiess es dann, er sei tot. Nicht, dass ich ein besonderer Fan von Michael Jackson gewesen wäre; aber das ist doch so eine Sache, die man dann später nicht mehr vergisst.

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