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Helgoland

Dieser Beitrag ist Teil 7 von insgesamt 9 Teilen der Serie Stadt & Land
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Helgoland

Kreis Pinneberg, Schleswig-Holstein, Deutschland


Eine felsige, aus rötlichem Sandstein gelittene, mittlerweile geteilte Insel im Nordatlantik. Einzige Hochseeinsel des ganzen Landes, gehörte ursprünglich mal zu England. Rau, natürlich und ziemlich bescheiden. Dennoch ist ein Besuch auf der Insel Helgoland nicht Pflicht, durchaus aber Kür. Denn die Insel ist überschaubar, eine lähmende Angst der Langeweile ein ständiger Begleiter. Und dort leben sogar Menschen. Dauerhaft. Wer nicht selbst aus dem Norden kommt, für den erscheint das unvorstellbar.
Die Insel besteht aus dem Unterland mit Hafen und dem Oberland mit Landschaft, beide sind mit einem Fahrstuhl im Felsen miteinander verbunden. Daneben gibt es noch die Düne, ein flaches Plateau mit kurzem Flugplatz und einem Sandstrand, getrennt von der Hauptinsel. Eine Übernachtung reicht aus, die ganze Insel komplett kennenzulernen.
Weil Helgoland so interessant ist, wirkt das Ausbooten am interessantesten.

Ausbooten – so nennt man das traditionelle Ritual, wenn die Passagiere von den Schiffen aufs Eiland befördert werden. Da der Inselhafen keinen Tiefgang erlaubt, liegen die Fähren vor Helgoland auf Reede. In Börtebooten, rund acht Meter lange motorisierte Boote aus Eichenholz, werden die Passagiere von den Schiffen aufs Inselland verschafft. Bei jedem Wetter sorgen ältere, erfahrene Matrosen dafür, jeden der Inselbesucher sicher von Bord auf Boot auf Land zu setzen. Ob Kind, dicke Tante oder Kegel – wie Kaffeesäcke werden die Menschen hier expediert, sortiert und wuchtig transportiert, für manche ein traumatisierenden Erlebnis. In Hamburg wird sich erzählt, dass manche Kinder nach dem Ausbooten bei Wind und Wetter ihre Leidenschaft für die Seefahrt entdeckten. Andere fallen über Bord. So soll angeblich mal ein kleiner Felix in hohen Bogen über die Reling, also die Außenkante eines Börtebootes, gekotzt haben, vor über hundert Jahren. Die anwesenden Matrosen bescheinigten diesem Jungen aus Sachsen-Anhalt ein erhebliches seemännisches Talent und so wundert es nicht, dass aus dem Jungen der berühmte Felix Graf von Luckner wurde, der berühmte „Seeteufel“ und letzte Pirat Europas, der mit seiner Muskelkraft ein Telefonbuch zerreissen konnte.

Die Fahrt mit dem Fahrstuhl vom Unterland hinauf zum Oberland dauert übrigens eine gute Minute und ist ein passender Moment, sich die Geschichte der Insel in Kurzform ins Gedächtnis zu rufen: Ursprünglicher und doppelt so grosser Felshügel, weit draussen vor den friesischen Insel, vermutlich letzter sichtbarer Felsen des sagenumwobenen Doggerland, eventuell germanisches Heiligtum und möglicherweise seit vorchristlicher Zeit bewohnt, bereits bei den Römern bekannt und von Tacitus erwähnt, Unterschlupf von Piraten, Verbrechern und Schmugglern, 1807 von der britischen Krone unter Besitz und Verwaltung genommen, erst am 1. Juli 1890 fiel Helgoland im Tausch mit der ostafrikanischen Insel Sansibar an das deutsche Kaiserreich. Dann wurde aufgerüstet. Die militärische Nutzung der Insel ging über 1945 bis in die 1950er Jahre hinaus. Zuletzt war „Heligoland“ ein Übungsziel britischer Bomber. Die Bombentrichter sind noch heute beeindruckend und beim Inselrundgang im Oberland nicht zu übersehen.

Auch Überreste der „Hummerschere“ sind zu erkennen, doch die meisten Inselgäste können den groben Waschbeton der Nazi-Architekten nur nicht mehr deuten. Das „Projekt Hummerschere“ war der grössenwahnsinnige Plan der Nazis, aus der gesamten Insel den größten künstlichen Marinestützpunkt der Welt zu bauen. Als 1938 das grosse Bauen begann, störte keiner der Insulaner. Die Helgoländer wurden nämlich bereits im ersten Weltkrieg umquartiert oder umgesiedelt. Bis zu ihrer Rückkehr lebten die meisten im Kreis Pinneberg, an der westlichen Stadtgrenze des Hamburger Stadtstaates. Deshalb wären die Pinneberger, die am PI- am Anfang ihres Kennzeichens zu erkennen sind, so schlechte Autofahrer. Weil nämlich unter den Pinnebergern soviel Helgoländer sind, die das Autofahren nicht gewohnt wären. Naja. Wenn man aber im Sturm oben, am Oberland, spazieren geht, die Lange Anna im Blick, würde man auch nie darauf kommen, ausgerechnet in Pinneberg herumzulaufen. Im Kreis Pinneberg, wohlgemerkt, denn auch heute gehört die Hochseeinsel Helgoland verwaltungsrechtlich zum Kreis Pinneberg.

Zugegeben; wesentlich wichtiger ist es, beim Einschiffen auf die Fähren auch das richtige Börteboot zu erwischen. Denn manchmal wuchten die alten Matrosen so fix, dass man plötzlich den gänzlich falschen Zubringer landet. Und dann genauso konsequent auf die falschen Fähre gewuchtet wird – und auf einmal in Büsum landet, obwohl das Auto in Cuxhaven steht; wenn Sie verstehen, was ich meine.

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