abenteuer Stadt & Land text

Büsum

Dieser Beitrag ist Teil 5 von insgesamt 7 Teilen der Serie Stadt & Land
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Blick vorm Deich; zwischen Meerwasserwellenbad und Leuchtturm.

Büsum

Dithmarschen, Schleswig-Holstein

 

In Schleswig-Holstein, dem nördlichsten aller deutschen Bundesländer, leben Touristen und Einwohner zwischen Nord- und Ostsee. Dabei liegt die Nordsee gar nicht im Norden, sondern westlich des Landes, es ist nur der nördlichste Teil des Atlantiks. Wissen viele nicht.
Man könnte jetzt noch vom Doggerland erzählen, einem prähistorischen Urwald zwischen England und der Nordseeküste und dass Fischer heute immer wieder Spuren dieses Landes in ihren Netzen an die Oberfläche ziehen. Aber es soll um Büsum gehen, dieser Perle der rauen Nordsee.
Blickt man von oben auf Schleswig-Holstein drauf und stellt sich das Land vor wie das Profil einer nach England schimpfenden Klimaaktivistin, dann liegt Büsum auf deren Oberlippe. Und nicht unter dem Zopf, an der gemütlichen Ostsee.
Während die Ostseebäder eher Menschen anziehen, die auch sonst lieber lau baden, ist die Nordsee nämlich etwas für richtige Naturburschen. Die kommen meist mit dem Zug und bevorzugen die familiären Privatquartiere, sogenannte Pensionen. Junge Familien und ältere Ehepaare mit ihren Enkeln und dem Gepäck im Bollerwagen, zu Fuss vom Bahnhof und auf der Suche nach der Unterkunft: Haus Seerose, Pension Passat, Haus Utti, „müssen wir noch lange laufen?“
Bevor es dann am ersten Tag über den Deich geht, wird der Ort inspiziert. Die Fussgängerzone, am Kriegerdenkmal vor dem Rathaus vorbei zur alten Kirche. Und überall Restaurants, Oller Kotten, Muschelsaal, „sind da wirklich lauter Muscheln auf den Wänden?“
Und ständig riecht es an allen Ecken nach Fisch. Schollenfilets und Krabben, frisch vom Hafen. Und nicht zu vergessen: Kurtaxe zahlen und bei dieser Gelegenheit gleich eine Zehnerkarte für das Meerwasserwellenbad mitnehmen.
Bis Ende der 1970er schob ein alter Mann sein Fahrrad durch Büsum, ein Mann mit einer roten, zerfetzten alten Hakenkreuz-Armbinde. Der durfte das, „Narrenfreiheit“, der war nämlich nicht „ganz gescheit“. Und wer weiß schon, was der Mann damals alles erlebte, erklärte die Oma dem verwunderten Kind.
Vielleicht wollte er die Büsumer auch nur daran erinnern, wem sie die ganzen Badegäste zu verdanken hätten. Büsum war nämlich „Kraft durch Freude“-Seebad, eine touristische Boom-Town im nationalsozialistischen Kultur- und Gesellschaftsleben. Aber so einfach ist das mit den Nazis auch nicht. Obwohl Dithmarschen eine Nazi-Hochburg war, wehrte sich der deutschnationale Bürgermeister Otto Johannsen noch vor der „Machtübernahme“ 1933 gegen die nationalsozialistische Vereinnahmung, kam aber nicht gegen die Karabiner an, mit denen die Braunhemden das Rathaus besetzten. Heute erinnert in Büsum nur das Kriegerdenkmal vor dem Rathaus daran, dass es mal andere Zeiten in Deutschland gab.
Wo die Fussgängerzone beginnt bleibt das Kind bei den anderen Kindern stehen, die da ihren kleinen, privaten Flohmarkt auf ihrer Wolldecke ausgebreitet haben und zum Verkauf feilbieten. Irgendwann waren die Alten dann plötzlich weg.
Dabei hatte der Junge doch nur neue Freunde gefunden. Ein Schock für die Großeltern – aus dem verwunderten Jungen wurde der verschwundene Junge. Und wenn in Büsum Menschen verschwinden, dann nimmt dies niemand auf die leichte Schulter. Dann macht man sich Sorgen, das gilt ganz besonders, wenn die Verschwundenen Kinder sind. Denn die Kräfte der Gezeiten, die Tücken der Tiede, die brutale Ungemütlichkeit von Ebbe und Flut sind Gefahren werden ja besonders von Touristen und kleinen Kindern unterschätzt. Wenn das Meer zweimal am Tag durch die magische Kraft des Mondes vom Strand förmlich fort-, hinaus auf den Ozean gesaugt wird, bleibt das Watt übrig. Dieser wellige Meeresgrund, durchzogen von breiten, kleinen bis schliesslich feinen Wasseradern, dem Priel.
Die Wanderung mit nackten Füssen „im Watt“, wie es heißt, soll aus irgendwelchen Gründen gesund sein. Ist nicht jedermanns Sache, dennoch stark nachgefragt von Urlaubern und Tagesgästen; von Einheimischen dagegen weniger. Zu empfehlen ist diese Exkursion im Watt in Gruppen, mindestens aber mit einem erfahrenen Küstenkennern. Denn alleine kann es schnell gefährlich werden. Lebensgefährlich. Ohne Kenntnisse der Tiede und Gezeiten wird es zwischen den Trielen, die allmählich voller Wasser laufen, für unerfahrene Wattwanderer eng. Das Watt zerfliesst schnell in einen tückischen Flickenteppich, dass Meer kommt mit aller Gewalt wuchtig zurück und reisst alles Vergessene auf Meer hinaus. Die einzige Chance der Rettung bieten Kammern, hoch oben auf den Rettungsstangen.
Doch ginge der Junge ins Watt, wäre er jetzt sicher schon auf hoher See. Dort war er aber nicht, was sollte er dort auch. Er war nur mit seinen neuen Freunden weitergezogen und hatte dabei die Zeit vergessen. Jetzt spielte er wohl mit den anderen Kindern in irgendeiner Gasse am Hafen, Murmel oder Matchboxauto, zwischen Mülleimer und Fischgräten, hinter irgendwelchen alten Fischrestaurants, bis er es bei seinen neuen Freunden nicht mehr aushielt. Mag auch sein, dass die von ihm genug hatten, vielleicht vermisste er aber auch seine Herrschaften, jedenfalls fand er plötzlich schnellen Schrittes den Weg zurück in die Unterkunft, zur Pension und wunderte sich über die dortige Aufregung. Und die Alten sollten sich später wundern, weshalb er sich schon so gut auskannte, in Büsum, „wohl schon zweite Heimat“.
Noch irrten die aber zwischen Deich und Kirche, suchten den Jungen, kamen schliesslich irgendwann am Meerwasserhallenbad vorbei und es war reines Glück, dass der Bademeister Peter P., gleichzeitig Pensionsbesitzer, gerade von seiner Frau Utti, gleichberechtigte Pensionsbesitzerin und Namensgeberin, telefonisch darüber informiert wurde, dass der Junge soeben in dieser Pension eintraf. Deshalb winkte er die Alten aus der Schwimmhalle zu sich heran, presste den Zettel mit der erlösenden Botschaft: „Jan ist zuhause!“ an die Glasscheibe. Bewegende Auflösung der Situation.
Die Besucher der Schwimmhalle hingegen, die dort vor der riesigen Glasfront mit Blick auf das Wattenmeer auf ihren Handtüchern und den beheizten Sitzelementen auf den halbstündlichen Gong warten, der den Wellenganges einleitet, ahnten von allem nichts. Und in Büsum legte sich die Aufregung wieder. Die Sonne bereitete sich darauf vor, am Abend unterzugehen und das Meer, sich wieder hinter hinter den Horizont zu verziehen. Auch wenn dieser Rhythmus eine ganze, lange Weile, Saison für Saison, so anhält: Langeweile ist in Büsum nur schwer vorstellbar.

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