abenteuer Stadt & Land text

Ahrensbök

Dieser Beitrag ist Teil 4 von insgesamt 7 Teilen der Serie Stadt & Land
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Ahrensbök

Ostholstein, Schleswig-Holstein, Deutschland

Ahrensböker, Lübecker Strasse

Aus Ahrensbök kommen komische Leute. Das fällt aber nicht auf, da Ahrensbök so unscheinbar ist. Unscheinbarer geht es eigentlich überhaupt nicht mehr. Auch die Ahrensböker sehen relativ unscheinbar aus, eben so unscheinbar, wie ein Ostholsteiner aussehen kann. Die Ahrensböker sind nämlich keine provinziellen Trottel. Zum einen leben sie in Ostholstein, also praktisch im Paradies. Und zum anderen haben bessere Gesellschaften, die immer schon an den nahen Badeorten an der Ostseeküste flanierten und promenierten, ihre Spuren hinterlassen. So fallen die bizarren Hobbys mancher Einwohner, die da in der dörflichen Verborgenheit blühen, überhaupt nicht auf. So gibt es dort beispielsweise einen Mann, der Tischdecken aus Wachstuch sammelt und im Urlaub zum Wandern in die Berge fährt. Obwohl die Ostsee, die zu viel schöneren Urlaubsbeschäftigungen lockt, keine 20 Kilometer von Ahrensbök entfernt liegt. Oder das Schützenwesen! Einmal im Jahr gibt es dort ein großes Fest, bei dem erwachsene Männer in komischen Uniformen, die mit unzähligen Orden und Anstecknadeln verziert sind, betrunken auf Vögel schiessen. Auf Holzvögel, ehrlich gesagt, man nennt es deshalb „Vogelschiessen„. Und nach dem Schiessen wird im Festzelt nebenan (hier trat zu diesem Anlass sogar Fips Asmussen auf, ein legendärer Witz-Erzähler) weiter getrunken. Während der Nachwuchs draussen, auf dem Festplatz, sich in Karussells dreht, in denen sich schon ihre Grosseltern vergnügt haben. Zu diesem Fest sind nämlich nicht nur Schützen, sondern das ganze Dorf auf den Beinen. Deshalb heißt dieses Schützenfest auch Heimatfest. Das die Berliner Politik diesen Begriff den Ostholsteinern nicht schon verboten hat, ist wirklich bemerkenswert. Allerdings würde ich wetten, dass sich sowas die Ahrensböker auch nicht gefallen lassen würden, aber egal: das ganze Fest geht über drei Tage und zu diesem Anlass darf dann sogar schon morgens gesoffen werden. Das wird als „Frühschoppen“ bezeichnet. Aber einmal im Jahr kann man ja mal einen trinken.
Denn trotz aller Skurrilität ist es gut, dass Wachsdecken und Heimatfeste noch leben. Und das es sowas in abgelegenen Ortschaften wie Ahrensbök gibt, macht die Sache doppelt gut. Was gibt es dort auch sonst? Den zentralen „Totenberg“, den hügeligen Friedhof mit einer alten Kirche, die erhaben über dem Ort wacht. Darunter Strassen und Häuser, die sich seit ihrer Entstehung kaum verändert haben. Hier erinnert vieles an die 1950er Jahre und auch das ist gut. Im Norden steht ein futuristischer Wasserturm, unter denen Esoteriker liegen, in den Himmel schauen und von Ufo-Entführungen träumen. Im alten Bahnhof im Osten des Ortes gibt es jetzt einen Supermarkt, eine Eisenbahn fährt es hier schon lange nicht mehr, selbst die Schienen wurde demontiert. Im Süden befindet sich der grosse See mit der Liebesinsel und im Westen zählt nur der Sport, ein Sportplatz auf Grossstadtniveau, darauf sind die Ahrensböker stolz. Ansonsten riecht es hier nach Handwerk und Landwirtschaft. Wer im Schützenverein, der Freiwilligen Feuerwehr oder dem MTV Fuß fasst, gehört dazu. Der „Grieche“ wird ebenso wie die italienische Eisdiele stark frequentiert, von manchen sogar innig geliebt, sie sind mehr als integriert. Ausländer gibt es hier nicht, sondern nur Ahrensböker.
Ob dies immer so war, ist zu bezweifeln und das einige Nazis nach Kriegsende 1945 aus Berlin nach Ahrensbök flüchteten um unterzutauchen, wird eher hinter hervorgehaltenen Händen gemunkelt. Ein hartnäckiger Historiker ist dem jedoch weiter auf der Spur. Zugegeben, es gibt auch in Ahrensbök kaum noch Zeitzeugen, die darüber Auskunft geben könnten. Gewusst haben die alten Ahrensböker jedoch manches, das KZ-Außenlager und Todesmärsche liessen sich nicht verstecken. Heute wird jedoch gedacht, geforscht und aufgearbeitet und das ist, übrigens auch nach Meinung aller Parteien, auch gut so. Geboren werden die Ahrensböker meist in der Kreisstadt Eutin und machen dort dann auch ihr Abitur. Die Wochenenden verbringt die Landjugend dann aber doch lieber in Lübeck, knapp 20 Kilometer entfernt und jedes Jahr verliert ein Ahrensböker Sohn oder Tochter sein Leben auf der kurvenreichen Landstrasse. Auch das ist Tradition in der Provinz, wenn auch eine sehr traurige. Doch die Unfallstatistik sei erheblich zurückgegangen, seit einigen Jahren ist der Rettungshubschrauber Christoph 12 im benachbarten Siblin stationiert. Ungewöhnlich ist aber, dass nur wenige aus Ahrensbök weg wollen. Ganz im Gegenteil – besonders viele Lübecker wollen Ahrensböker werden, nicht nur wegen des phantastischen Speiseeis aus landwirtschaftlicher Produktion, dass da gleich am Ortseingang verkauft wird. An den ständig neuen Siedlungen ist zu erkennen, dass Ahrensbök eher wächst als schrumpft. Bleibt nur zu hoffen, dass die Ahrensböker diese 50er-Patina bewahren, die über ihrem Örtchen liegt.

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