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München

Dieser Beitrag ist Teil 1 von insgesamt 4 Teilen der Serie Stadt & Land
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München

Landeshauptstadt, Bayern, Deutschland

 

Die bayerische Landeshauptstadt war gut zu mir. Überhaupt Bayern. Diesem Land, in dem Norddeutsche stets in den Generalverdacht kommen, Preussen zu sein. Oder kamen. Und deshalb verhasst sind. Die Preussen standen gegen die Bayern im Krieg, vor langer, langer Zeit. Glücklicherweise ist von dem historischen Klischee des Preussen nicht mehr als ein Gerücht übrig geblieben. Wobei Klischees und Gerüche dem Ruf von Stadt und Land stehst voran gehen. So ist meine Generation mit zahlreichen Münchner Fernsehserien aufgewachsen, Serien wie Polizeiinspektion 1, Pumuckl, Derrick und natürlich dem königlich-bayerischen Amtsgericht. Als Kind erhielt man so regionale Eindrücke vermittelt. Schnupperte lokalkulturellen Stallgeruch, sozusagen. Doch der bayerische Dialekt blieb nicht viel mehr als ein ausländischer Akzent. Fremd und fern. München: Großstadt und für deutsche Verhältnisse schon Metropole – und doch irgendwie Dorf. Auf mich wirkte die bayerische Landeshauptstadt beim ersten Besuch genauso, wie ich mir die Stadt vorstellte. Strassen, Plätze, Fassaden – als wäre ich vorher schon einmal dort gewesen. Und irgendwie wieder auch nicht. Es ist wohl mehr dem Geschichtsunterricht als der Stadt geschuldet, überall den düsteren Schatten Hitlers zu ahnen: Feldherrnhalle, Drückebergergasse. Was wichtiger ist, kann nur erahnt werden. Auf der Ludwigstrasse, zwischen den Universitätsbauten, weist nur der Geschwister-Scholl-Platz für Geschichtskundige auf jenen feigen Hausmeister hin, der die tapferen Geschwister an ihre Henker auslieferte. Noch unscheinbarer wirkt die Geschichte im Tal, links neben dem „Bier- und Oktoberfest-Museum“. Aus dem Kneipengewölbe, aus dem heute ein Ladengeschäft Mobilfunkverträge vertreibt, kroch vor rund hundert Jahren jene sadistische Bewegung, die niemand ernst nehmen wollte oder konnte. Keine Informationstafel, kein Hinweis auf die Geschichte, dagegen berechtigte Angst vor Wallfahrtsorten. Nur fünfzig Meter östlich wird es dagegen wieder heiterer. Im historischen Isartor fand die künstlerische Seele des Komödianten Karl Valentin Obhut. Im „Valentin Karlstadt Musäum“ findet das neugierige Publikum seit 1959 eine Sammlung alter Fotos, Requisiten, Kostümen, Musikinstrumenten und sonstigen Kram aus dem zwischen 1882 und 1948 dauernden Lebens des Komikers, Autoren, Schauspielers und Filmemachers und seiner Partnerin Liesl Karlstadt. Ein kurioses Panoptikum für geringes Eintrittsgeld, welches alleine schon die Reise nach München wert ist. Ob sich dessen Betreiber über die Tatsache bewusst sind, dass der historischer Wert ihres Kuriosums täglich steigt? Apropos steigen: Es heisst, dass bei klarem Himmel über Münchens Dächer hinweg die Alpengipfel zu sehen wären. Daran dachte ich am Olympiastadion und nur wenige Schritte hinter dem Stadion schien plötzlich aus diesem Gedanken ein mächtiger Hügel gewachsen zu sein. Dieser „Olympiaberg“ war aber keine Vision, sondern ist genauso alt wie der Rest des Geländes. Das Olympiastadion ist Anfang der 1970er Jahre auf einem Areal des überwiegend militärisch genutzten Oberwiesenfelds entstanden. Vom Aussichtspunkt, ganz oben auf dem olympischen Berg, kann diesem Gerücht mit den Alpen auf den Grund gegangen werden; und es stimmt: die Aussicht reicht ganz über die Stadt, bis hin zu den schneebedeckten Spitzen der bayerischen Berge. Ein Abenteuer, das schon im Spätsommer zu einer kühlen Sache werden kann. Der Englische Garten, sozusagen der Dschungel Münchens, ist aber nicht allzu weit. Mit etwas Glück findet sich ein Elektroroller am Fusse des Hügels. Und mit der richtigen Navigation sollte es dann über sechsspurige Ringstrassen, städtische Schnellstrasse, an Baustellen und Jugendstilfassaden vorbei, an der Münchener Freiheit entlang, direkt in den Englischen Garten gehen. Da es erlaubt ist und Spass macht kann der ganze Park ohne Stop durchquert werden, mit Schwung am Chinesischen Turm vorbei; es sei denn, man mag Bier. Dann kann man auf eine Pause anhalten. Und hat man den englischen Garten dann hinter sich, steht man wieder vor einer mächtigen braunen Hinterlassenschaft: Dem kolossalen Haus der Kunst. Und blickt in den übermenschlich großen Säulengang zu Rechten, entdeckt dann mit Glück zur Linken einen schmalen Gang. Hinunter zum legendären P1, dem Club der etablierten, jüngeren Gesellschaftsschicht aus ganz Deutschland, manche sagen, aus ganz Europa. Da steht man dann, zwischen Jugendwahn und Grössenwahn, man möchte sich gar nicht entscheiden. Martini oder Wodka Red Bull? Verschwende Deine Jugend. Überhaupt, diese kolossalen Bauten. Auf dem Rückweg durch die Stadt, vorbei an Regierungsbauten und Botschaften. Wo sind die bayerischen Trachten? Dafür Säulen und Kuppeln. Ist das noch Deutschland? Oder schon ein bisschen Rom?
Am Hauptbahnhof kommt es mir fast ein bisschen so vor. Der Münchener Hauptbahnhof: Bahnknoten des Südens. Tor nach Italien. Die Bahnhofsgegend ist nicht so hübsch; wobei dies der Münchener nicht hören will. Döner neben Handyladen neben Wettstuben. Dazwischen billige Hotels. Typische Bahnhofsgegend, aber doch ein bisschen ordentlicher und sauberer als andere Bahnhofsgegenden der Republik. Was wiederum der Münchener gerne hört.

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