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Die Lübecker Kirchenfälscher

Dieser Beitrag ist Teil 4 von insgesamt 5 Teilen der Serie Lübecker Kriminalgeschichten
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Die Lübecker Kirchenfälscher

Damals, im Krieg, als über Lübeck die Bomben ausgeklinkt wurden und weite Teile der Lübecker Altstadt und darüber hinaus in Flammen aufgingen, konnte es sich wohl keiner vorstellen, dass alles mal wieder aufgebaut werden würde und es ein danach gibt. Und nun liegt dieses „Damals“ fast schon ein ganzes Menschenalter zurück in der Vergangenheit, dachte Dr. Eugen Neuber, der sich das Ausmass der damaligen Katastrophe auf Bildern ansah, die in der Lübecker Marienkirche, etwas abseits der Eingangskasse auf Holztafeln befestigt waren.
Er hatte es gesehen damals, als Kind vom elterlichen Hof in Mecklenburg von der Ferne aus, dieses glutrote Leuchten in der Palmarum-Nacht 1942. Und hatte das Grollen gehört. Es war der Backstein, der da glühte, wurde ihm gesagt. Seit dieser Nacht schien es ihm als die frühste Erinnerung an Lübeck, diese glutrote Stadt. Er konnte sich fortan an frühere Besuch der Stadt nicht erinnern, nicht an den Weihnachtsmarkt, nicht an das Stadttheater.
Eugen Neuber schlenderte unter dem hohen Kirchenschiff und streichelte im vorübergehen die kleine schwarze Maus unter dem Rosenstock hinter dem Altar.

Er erinnerte sich wieder, wie unbehaglich ihm zumute war, als er nach seinem Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg für seine weitere Verwendung als junger Jurist sich ausgerechnet auf einen Referendarsposten am Lübecker Landgericht setzen liess. Lübeck war jedoch aus bestimmten Gründen naheliegend und die Erfahrung wert. Glück gebracht hat ihm diese Stadt jedoch nicht, da konnte er diese Maus so oft streicheln, wie er wollte. Und auch jetzt schien ihm diese Stadt fremd. Mit ihren Türmen; so kannte er sie nicht. In seiner Erinnerung waren die meisten Türme in dieser Höllen-Nacht „gefallen“, was sonst eigentlich die Soldaten taten, womit dieser Ausdruck „gefallen“ paradoxerweise einen sprichwörtlichen Sinn bekam. Und während den wenigen Jahren seiner „Lübeck-Zeit“ sah er die Türme langsam wachsen, aber nie in voller Pracht wie jetzt.
Naja, zumindest ist er damals nicht abgestürzt, an diesem denkwürdigen Tag, als er, nachdem er zum ersten Mal in seinem Leben diese Maus gestreichelt hatte, im Rahmen eines Ortstermins hoch oben in das Chorgewölbe hinaufsteigen durfte. Oder musste, wie er es damals empfand. Er blickte hinauf, konnte sich jetzt jedoch nicht mehr erinnern, wo genau das Gerüst gehangen hat, auf dem er sich damals in der Höhe krampfhaft festgeklammert hat. Wegen diesem denkwürdigen ersten Fall musste er dort hoch, jenen Tatort besichtigen, um den es ging. Neuber konnte sich dabei aber auch nicht mehr erinnern, ob dieser denkwürdige Tag nun 1953 oder aber schon 1954 war, als seine Karriere als Jurist unter dem Kirchengewölbe der Sankt Marienkirche begann. Dazu mit diesem Fall, der sich in seiner Kompliziertheit nicht gleich erschloss, jedenfalls nicht ihm, dem jungen Rechtsreferendar, der er damals war. Mag sein, dass er zusehr mit seinem Gleichgewichtssinn zu kämpfen hatte, er hatte jedenfalls keine Ahnung, um was es hier ging. Es gab nicht etwa eine Leiche zu besichtigen, die möglicherweise dort von jemanden in die Tiefe gestossen wurde, wenn auch die einige der Beteiligten sich damit gegenseitig drohten. Besichtigt wurde profane Kalkmalereien, die ganz sicher mittelalterlich schienen und von den anwesenden Kirchenvertretern, Juristen und sonstigen amtlichen Personen, die sich über mehrere Ebenen des Hochgerüstes verteilten, interessiert begutachtet wurden. Zeugen erläuterten, Sachverständige erklärten und Ermittler fragten nach, doch Eugen Neuber verstand so gut wie nichts: Es ging um Restauration und Rekonstruktion, um eine offensichtliche Fälschung von etwas, das es vorher so überhaupt nicht gegeben haben soll, und die Zeugen waren sich dabei auch garnicht so sicher, ob sie denn überhaupt von „Fälschungen“ sprechen dürften. Und die Sachverständigen gaben zu bedenken, Rekonstruktionen seien ja bei erwiesener Unkenntniss der Authentik an sich bereits eine Art von Verfälschung. In diesem Fall wäre dann von einer naiven Verwässerung auszugehen, schlossen sich die Ermittler an. Eugen Neuber verstand nichts und kämpfte bald schon mit der Übelkeit. Obwohl ihm nämlich unten eingeschärft wurde, auf keinen Fall in die Tiefe zu sehen, musste er dort oben unentwegt nach unten starren. Nach dem Abstieg schliesslich, nicht nur für ihn eine Zitterpartie. Auch jetzt, als er rund fünfzig Jahre später in die schwindelnde Höhe blickte um die Malereien zu entdecken, bekommt er schweissnasse Hände. Komisch, dachte er, für alle Ängste und jedes Grauen bekommt man mit den Jahren ein dickes Fell, nur die verflixte Höhenangst nutzt sich nie ab.

Als Neuber das Westende der Kirchen erreichte, gab er die Suche auf. Dort oben waren keine Fresken mehr zu erkennen. Bei den zerborsten Glocken blieb er stehen. In jener Nacht des Weltkrieges, als im Bombenhagel die Kirchtürme in Flammen aufgingen und jene Glocke in die Tiefe fiel, nahm jener Fall eigentlich bereits schon seinen Anfang. In jener Märznacht des Jahres 1942 brannten nicht nur die Kirchtürme, sondern auch das gesamte Langschiff mitsamt einem Grossteil seines Inventars gingen in Flammen auf, die Wände erhitzen sich dabei so sehr, dass dicke Kalkschichten, jahrhunderte alt, auf- und abplatzten. Darunter erschienen, dass entdeckte man Jahre später, alte, gotische Wandmalereien; überproportionale Heiligenfiguren. Doch die kümmerlichen Reste waren teilweise lediglich nur noch in Staubpigmenten vorhanden. Schliesslich beauftragt das Lübecker Kirchenbauamt im Jahre 1948 Restauratoren, die jene historischen Reste sichern sollten…

Ein Textauszug aus dem Manuskript

Lübecker Kriminalgeschichte(n) I

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